Mittwoch, 25. November 2015

019 Der Retiro am 1.November (Stadtpark von Madrid)

















“El Retiro tiene las dimensiones exactas 
de la melancolia.” (Juan Garcia Hortelano)

Madrid flaniert mit Kind und Kegel durch einen Sonntag aus raschelndem Laub, bunte Vergänglichkeit zwischen spitzen schwarzen Schuhen. Auf hübschen Gesichtern schimmern die Reste der Allerheiligenschminke, und im jungen Flamencoblut vergnügen sich noch die dickflüssigen Getränke von gestern Nacht. Der Kontrabass einer Dixielandcombo vibriert die standhaften Platanen, während die leuchtende Münze eines kleinen Mädchens in den Hut klimpert, der auf dem Spazierweg liegt,als hätte ihn ein tanzender Caballero dort fallen gelassen.
Mit rudernden Liebespärchen im Innern klingen blaue Schiffe über den See. Nackte Göttinnen strecken ihre glänzenden Brüste ins leisgedrehte Licht. Eine zurückhaltende Sonne spiegelt die Fenster des Palacio de Cristal in unsern Augen. Auf einer Bank liegt eine junge Frau mit einem Blatt Papier in Händen, auf dem sie unsichtbare Gedichte entdeckt hat. Die Kartenleserinnen mogeln und verschweigen den möglichen Regen, der bereits in aufgetürmten Wolken auf ein Zeichen wartet. Aber auch der versunkene Guitarrero tupft nur nachsommerliche Töne zwischen seine Saiten.
Nachdem die trägen Tauben im Streit mit den quirligen Sperlingen um ein paar Krümel Weißbrot unter einem Cafétisch ihre Niederlage zugegeben haben, lassen sie sich, beleidigt und stolz, auf den Köpfen der steinernen Löwen nieder - ohne Respekt vor der gesammelten Würde der Könige, während wir mit drei fettigen Churros gemeinsame Sache machen und in der heißen Schokolade versinken.

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