Dienstag, 17. Juli 2018

039 Mouraria (Lisboa)






















Ich wohne hier inmitten der Mouraria. Die Gasse ist so eng, dass sich die auf beiden Seiten hängenden Wäschestücke beinahe berühren. Und die Linie 28, das kleine Straßenbähnchen, rumpelt mir fast durchs Zimmer. Die Stimmen von Kindern hüpfen auf den Pflastersteinen umher und sind nicht einzufangen. Im Himmel das flüchtige Piepsen unzähliger Schwalben, schnellflügelnd. Vor dem Waschsalon sitzt einer auf einem ausgedienten Sessel, den er auf den Gehweg gestellt hat. Die Girlanden von den Balkonen glauben noch an einen Titel bei der Fußballweltmeisterschaft. Eine alte Frau schreit krähern, als würde sie jeden Tag Zigarren rauchen. Und eine Trompete aus einem Fenster klingt den Sonntagmorgen mit einer blauen Melodie ein. Oder träume ich?

Samstag, 26. Mai 2018

038 Tallinn


Wenn ich einmal davon absehe, dass ich mich hier in einem nordischen Rothenburg ob der Tauber zwischen Russland und Finnland wiederfinde, so gibt es doch eine ganze Ansammlung seltsamer und berührender Eindrücke. 


Im Cafe´ Centrale schwimmen beispielsweise kleine Fischlein durch den Gastraum, und die Zimmerdecke ist eine strudelnde Fläche. Mit einer Tauchermaske ausgerüstet, die du im Laden nebenan erwerben kannst, lässt sich dieser Ort wunderbar besuchen. Wie ich mir den Schokoladenkuchen trotz wässriger Umgebung schadlos in den Mund schieben konnte, verrate ich an anderer Stelle.


In einem Buchantiquariat, das auch Spielzeug und kleine Gegenstände aus früheren Zeiten beherbergt, zieht es mich in einen Nebenraum, der mich vom Geruch her und vielleicht auch, weil dort solch ein Holzstühlchen steht, bewegt, als würde ich einen Blick zurück in meine Kindheit werfen dürfen.

Und im Cafe´ Maiasmock hats im Schaufenster ein Miniaturriesenrad mit Gondeln aus Kaffeetassen. Auch die Möglichkeit, heimliche Photographien von anderen Gästen zu machen, wenn diese einmal nicht in ihre mobilen Mehrzweck-Ablenkungsgeräte starren, sondern die Einmaligkeit ihrer Gesichter präsentieren...

Samstag, 12. Mai 2018

37 We gotta get out of this place (Newcastle upon Tyne)


Häuschen aus rotem Klinker aufgereiht, davor zerrupfte eingemauerte Vorgärten, ein Ball, dem die Luft ausgegangen ist, ein durchlöcherter Arbeitshandschuh. Bierdosen knittern wie vorgestrige Zeitungen unterm Löwenzahn. In den türkischen Barbershops liegen noch Locken auf dem Boden. Das Holy Jesus Hospital ist von Schnellstraßen eingeschnürt. Ein Pfund Regen fällt vom Himmel und bindet den täglichen Staub auf den Asphalt.


Eric Burdon, wo ist der Keller, den du verlassen wolltest? Ich erinnere mich an dich, als ich den Jungen auf dem Fahrrad sehe, wie er fest in die Pedale tritt, zwischen zwei schmalen Straßen hinaus aus dem grauen Hinterhof, hinaus aus dem Hammerlärm der Tyne-Docks, hinaus ins Leben. Auch der Ausflug nach Whitley Bay genügt dir nicht mehr. We gotta get out of this place, hast du gesungen, nein, geschrien hast du es.


Der Leuchtturm in der Ferne, früher ein Ort, an dem introvertierte Einsiedler einen dieser legendären Jobs verrichteten, heute verlassen, auch das Rendezvous-Cafe´ mit seinem Ices-Tea and Coffee – Schild bietet hinter verschlossenen Metallgittern den Liebeshungrigen keine Zuflucht mehr. Schwarze Hunde messen rennend den Strand aus und stolpern über rostiges Rohr. Späte Gäste schütten sich ihr braunes Ale in den Schlund und pissen es danach zurück in den Sand.


Manchmal höre ich dich noch, Eric Burdon, deine raue Stimme, wie sie zwischen zwei Wellen hin und her schaukelt, als wär´ sie das Boot eines Tyne-Pilots, wie sie auf dem Pier von Southshields entlang schlittert, bis dahin, wo es nicht mehr weitergeht. Und sie ist lauter und räudiger als der Wind. Du hast auch mein Lagerfeuer bereichert. Du hast mir den Glauben zurückgegeben daran, dass sich mit drei Gitarrengriffen und einer Wut im Bauch die Welt erobern lässt.


Dienstag, 1. Mai 2018

036 Grüße aus Frankfurt

Nach einem Wochenende in Frankfurt dieses Mal eine echte Ansichtskarte. Hier fließt der Fluss meiner alten Heimat: der Main. Schön ists, hier in der Maiensonne am Ufer entlang zu promenieren, die Wipfel der gestutzten Ulmen zu betrachten, wie frisch das Grün aus ihnen hervorbricht, um sich der übermächtigen Kulisse der Skyline entgegen zu recken.


















In den Samstagmorgen-Flohmarkt zu geraten und dort ein Arrangement zu entdecken wie aus einem retrospektiven Friseursalon...

 
 















Nach dem Besuch der wilden und aufrührenden Jean-Michel-Basquiat-Ausstellung durch die Fußgängerzone hinter dem Römerberg zu streunen, um dort auf „Rainers Wunderwelt“ zu stoßen. Rainer hat eine Installation aus Spielzeug in der Fußgängerzone aufgebaut.

 

Montag, 2. April 2018

035 Ach, der Frühling





















Ach, der Frühling.
In den Efeuranken plustern sich
die Vogelgewitter auf,
dazwischen stimmt ein einsamer Luftikus 
sein Liedchen an und schmettert es in den Himmel,
der von dänischen Wolken ausgemalt ist.
Auf den Dachböden das Gurren von Tauben,
ein Klang wie Liebesgemaunze.
Warum kann ich nicht
einfach einmal fröhlich jubilieren?
Und habe schon wieder
das vergängliche Geschenk der Magnolien
vor Augen.