Freitag, 23. November 2018

043 Kreidezeichnungen
















An einem Novembermorgen
in meinem Hinterhof
finde ich sie wieder,
die Kreidezeichnungen der Kinder.
Die in ihren Köpfen
eine flirrende Landschaft entdecken,
um sie am nächsten Tag
auf den unterkühlten, grauen Trottoir zu malen.

Noch ist die Welt
nicht ganz verloren.

Es gibt euch noch
mit euren auf den Kopf gestellten Wünschen,
mit euren verdrehten Ideen von Leben,
mit euren Farben an den Fingern.
Noch hat euch niemand zum Stillstand bekehrt.
Noch steht der Fliegenpilz.
Noch könnt ihr wohnen
in grandiosen selbstgezimmerten Holzhütten
dort unten am Fluss,
ohne Überschwemmungen befürchten zu müssen.
Noch seid ihr eingerollt in eure Kokons.
Noch seid ihr zu Hause in den Schneckenhäusern.
Noch seid ihr so klein, dass euch niemand
euren Platz im Wurzelwerk streitig machen kann.

Aber die meisten von euch werden fallen.
Ich weiß es. Nur wenige werden bleiben.
Die in irgendeiner Hosentasche ein zerknittertes Bild
bei sich tragen,
um sich immer wieder daran zu erinnern,
dass sie sich wandeln können,
ohne sich dabei aus den Augen zu verlieren,
die werden bleiben.

Dienstag, 6. November 2018

042 Freundlichkeit

Natürlich könnte ich, könnte ich wieder etwas schreiben aus irgendeiner Stadt meiner Wahl. Ich habe eine ganze Menge angesammelt auf meinem Globus, der mir in meiner Küche die nächtliche Stille erleuchtet. Natürlich könnte ich, könnte ich Notizen auf irgendwelchen Zetteln in Gedichte verwandeln. Sie würden mir aus der Hand fließen, wenn ich es wollte. Natürlich könnte ich. Aber ich will dennoch einfach nur sagen: Lasst uns zueinander freundlich sein. Mehr nicht. Lasst uns einander begegnen in Freundlichkeit. Lasst es uns versuchen. In einer Welt, in der wir uns übersehen, in der wir uns nicht mehr ansehen, in der wir uns nicht mehr berühren, in der wir vergessen, dass wir zerbrechlich sind, in der wir täglich neu die Hände abweisen, die uns jemand reicht: Lasst uns einander begegnen in Freundlichkeit.

Dienstag, 16. Oktober 2018

041 Beim Anblick der alten Leiter



Beim Anblick der alten Leiter, die in einem dieser knorrigen Obstbäume lehnt, denke ich, ich könnte doch einfach hinaufklettern, als wäre ich ein Kind, leicht und voller Apfelträume, um dort oben zu wohnen, tagelang, mit Gedanken an niemals endende Orte, deren Versteck ich niemandem verrate, könnte mich zwischen Zweigen verstecken, dort bleiben wie eine zeitlose Erscheinung, die sich in ihren Ideen sonnt, unerreichbar von all diesen nach mir greifenden Wirklichkeiten, unwirklich, eins. Und könnte mich einspinnen lassen von Gespinsten aus Morgenröten und Abendglanz, könnte dem Verstand den Rücken kehren ohne Verlust, könnte mich verstecken in der Höhe des mäandernden Himmels, ein Freund der Wolken und der Wandlung, und könnte schadlos bleiben dabei, ein Gast der Bilder, denen ich mich hingebe, nahezu unsichtbar mit laut tönendem Herzschlag, wonnevoll und sommergetönt, und finden würde mich niemand, niemals mehr jemand, und finden würde mich niemand, der mir glauben machen will, dort unten spielt die Welt.

Montag, 20. August 2018

040 Aufgeweichte Ansichtskarte

Die Stimmen der Möwen erzählen
wie immer vom Meer,
selbst wenn es regnet.
Und der gestrige Abend schwimmt noch
als verschüttetes Bier in den Pfützen.
Neben dem Steg schaukeln kleine Schiffe,
die ihre Spiegelungen ins Wasser fallen lassen.
Fundstücke, unnütz
und zufällig angespült
von meinen Augen
im Umherschweifen aufgesammelt.
Nichts hat Bedeutung.
Es ist niemals die Wirklichkeit.
Auch die Wörter, mit denen ich hier jongliere,
sind nur ein Spiel.
Ab und zu geht eines zu Boden.
Ich hebe es auf und stecke es in die Tasche.
Zu Hause angekommen,
kann ich nichts mehr damit anfangen.

Dienstag, 17. Juli 2018

039 Mouraria (Lisboa)






















Ich wohne hier inmitten der Mouraria. Die Gasse ist so eng, dass sich die auf beiden Seiten hängenden Wäschestücke beinahe berühren. Und die Linie 28, das kleine Straßenbähnchen, rumpelt mir fast durchs Zimmer. Die Stimmen von Kindern hüpfen auf den Pflastersteinen umher und sind nicht einzufangen. Im Himmel das flüchtige Piepsen unzähliger Schwalben, schnellflügelnd. Vor dem Waschsalon sitzt einer auf einem ausgedienten Sessel, den er auf den Gehweg gestellt hat. Die Girlanden von den Balkonen glauben noch an einen Titel bei der Fußballweltmeisterschaft. Eine alte Frau schreit krähern, als würde sie jeden Tag Zigarren rauchen. Und eine Trompete aus einem Fenster klingt den Sonntagmorgen mit einer blauen Melodie ein. Oder träume ich?

Samstag, 26. Mai 2018

038 Tallinn


Wenn ich einmal davon absehe, dass ich mich hier in einem nordischen Rothenburg ob der Tauber zwischen Russland und Finnland wiederfinde, so gibt es doch eine ganze Ansammlung seltsamer und berührender Eindrücke. 


Im Cafe´ Centrale schwimmen beispielsweise kleine Fischlein durch den Gastraum, und die Zimmerdecke ist eine strudelnde Fläche. Mit einer Tauchermaske ausgerüstet, die du im Laden nebenan erwerben kannst, lässt sich dieser Ort wunderbar besuchen. Wie ich mir den Schokoladenkuchen trotz wässriger Umgebung schadlos in den Mund schieben konnte, verrate ich an anderer Stelle.


In einem Buchantiquariat, das auch Spielzeug und kleine Gegenstände aus früheren Zeiten beherbergt, zieht es mich in einen Nebenraum, der mich vom Geruch her und vielleicht auch, weil dort solch ein Holzstühlchen steht, bewegt, als würde ich einen Blick zurück in meine Kindheit werfen dürfen.

Und im Cafe´ Maiasmock hats im Schaufenster ein Miniaturriesenrad mit Gondeln aus Kaffeetassen. Auch die Möglichkeit, heimliche Photographien von anderen Gästen zu machen, wenn diese einmal nicht in ihre mobilen Mehrzweck-Ablenkungsgeräte starren, sondern die Einmaligkeit ihrer Gesichter präsentieren...

Samstag, 12. Mai 2018

37 We gotta get out of this place (Newcastle upon Tyne)


Häuschen aus rotem Klinker aufgereiht, davor zerrupfte eingemauerte Vorgärten, ein Ball, dem die Luft ausgegangen ist, ein durchlöcherter Arbeitshandschuh. Bierdosen knittern wie vorgestrige Zeitungen unterm Löwenzahn. In den türkischen Barbershops liegen noch Locken auf dem Boden. Das Holy Jesus Hospital ist von Schnellstraßen eingeschnürt. Ein Pfund Regen fällt vom Himmel und bindet den täglichen Staub auf den Asphalt.


Eric Burdon, wo ist der Keller, den du verlassen wolltest? Ich erinnere mich an dich, als ich den Jungen auf dem Fahrrad sehe, wie er fest in die Pedale tritt, zwischen zwei schmalen Straßen hinaus aus dem grauen Hinterhof, hinaus aus dem Hammerlärm der Tyne-Docks, hinaus ins Leben. Auch der Ausflug nach Whitley Bay genügt dir nicht mehr. We gotta get out of this place, hast du gesungen, nein, geschrien hast du es.


Der Leuchtturm in der Ferne, früher ein Ort, an dem introvertierte Einsiedler einen dieser legendären Jobs verrichteten, heute verlassen, auch das Rendezvous-Cafe´ mit seinem Ices-Tea and Coffee – Schild bietet hinter verschlossenen Metallgittern den Liebeshungrigen keine Zuflucht mehr. Schwarze Hunde messen rennend den Strand aus und stolpern über rostiges Rohr. Späte Gäste schütten sich ihr braunes Ale in den Schlund und pissen es danach zurück in den Sand.


Manchmal höre ich dich noch, Eric Burdon, deine raue Stimme, wie sie zwischen zwei Wellen hin und her schaukelt, als wär´ sie das Boot eines Tyne-Pilots, wie sie auf dem Pier von Southshields entlang schlittert, bis dahin, wo es nicht mehr weitergeht. Und sie ist lauter und räudiger als der Wind. Du hast auch mein Lagerfeuer bereichert. Du hast mir den Glauben zurückgegeben daran, dass sich mit drei Gitarrengriffen und einer Wut im Bauch die Welt erobern lässt.