Dienstag, 24. November 2015

002 „Kirschkerntage“ - LESEPROBE


Alle Dinge groß  

Als ich klein bin, sind alle Dinge groß. Ich bin ein Kind der Schiefertafelzeit und der Lederranzen, ein Kind der Holzfeuerungen, weshalb ich auch jetzt manchmal in französischen Bergdörfern die Nase in die Luft strecke, als wollte ich ein wenig an der früheren Zeit riechen. Und Zeppeline, diese Wale der Luft, schweben wie beruhigende, gutmütige Formen durch meinen Himmel, sind wie stumme Wächter über dieses noch zerbrechliche Wesen, das ich bin. Und die Tage sind voll von diesen ersten Malen, alles ist neu, verklärt, unschuldig und berauschend.Als ich klein bin, sind alle Dinge groß. Als ich wachse, werden sie so winzig, dass sie problemlos in diese Wundertüten passen, die es beim Lebensmittel Mörke dort unten am Ende der Hartmannstraße zu kaufen gibt, dieser Straße, in deren Welt sich all das ereignet, was mich erfüllt in den frühen Jahren.


Spielplatzbrühe
Kinderurin – Wasser - Gemisch in stinkiger aufgeheizter Spielplatzbrühe in der Wredestraße, ein blaues, dreißig Zentimeter tiefes abblätterndes Steinbecken, vollgesandet, das ein einziges Geschrei und Wassergepruste enthält und das Geheul getunkter Jungs und hilfloser umherirrender nackter Kleinkinder, die den Anschluss an die Welt verloren haben, drei Meter entfernt von den Wäscheleinen und den Loggias, und in irgendeinem kleinen Transistorradio träumen die Beach Boys allmiteinand von Barbara Ann und von keinem Mädel sonst auf der Welt, dabei sind die kleinen Würzburgerinnen doch auch nicht zu verachten. Auf den Bänken unterhalten sich die jungen Mütter, Kochrezepte austauschend, mit Turmfrisuren und in Blusen, die der letzte Schrei sind, immer einen halben Blick auf die Kinder gerichtet, die irgendwo herumspringen und die sie in der lärmenden Menge gezielt heraus erkennen.

Zirkusluft
Der große Platz dort unten bei den Mainwiesen wird in den warmen Monaten manchmal von fahrendem Volk eingenommen. Zirkus in der Stadt! Einen Tag bevor die Vorstellungen beginnen, ziehen Artisten, Spaßmacher und Fakire in Schrittgeschwindigkeit durch unsere Straßen, ein Umzug, der von stattlichen Elefanten mit Königskronen auf den Häuptern, die mit ihren Rüsseln wie aus Gartenschläuchen Wasser auf die ausgetrockneten Gehsteige spritzen, sowie radschlagenden Grazien angeführt wird, hinterdrein fährt ein zerbeulter bunt bedruckter VW - Käfer, aus dessen heruntergekurbelten Fenstern ein Megaphonmann die Anwesenheit der Zirkustruppe laut hörbar ins Viertel schreit. Weithin sichtbar ist das dunkelblaue Zelt mit den roten Punkten, und es sieht aus, als hätte sich plötzliche Farbe unserer Gegend bemächtigt. Das ganze Areal wird weitläufig abgesperrt, und wie eine Wagenburg stehen darin die mit dicken Buchstaben bemalten Wohnwägen der Darsteller, die vergitterten Käfige der Raubtiere, sowie einige Sattelschlepper. Wenn unsere Großeltern oder Tanten in Festtagslaune sind, gehen sie mit uns in eine der Nachmittagsvorstellungen. Schon an der Kasse werden wir in Bann gezogen: Denn da sitzt eine üppig geschminkte Dame in einer Schlangenuniform, auf deren Schultern ein behendes Äffchen turnt und ihr mit seinem Schwanz immer wieder die schwarzen Augenbrauen nachzieht. Für die nächsten zwei Stunden wird uns der Mund einfach offen stehen bleiben... Wir treten in die Manege, indem wir einen schweren Vorhang mühsam beiseite ziehen. Ein weißgesichtiger Harlekin mit blauen, unter den Augen aufgemalten Tränen zeigt uns unsere Sitzplätze. Im Innern des Zeltes riecht es nach Pferdesand, der Duft edler Araber vermischt mit Schminke und Kalk, ein einzigartiger, nur dort vorkommender Geruch. Majestätische Fanfaren ertönen. Der Direktor  in Schwalbenschwanz und Zylinder verkündet durch das uns bekannte Megaphon den Beginn der Vorstellung. Von Bild zu Bild gerate ich tiefer in die Farbigkeit einer immer bunter werdenden Traumkulisse. Schönes gesellt sich zu Schrecklichem, das Lachen wechselt sich mit Angst und Zittern ab. Da stellen sich afrikanische Elefanten, auf deren Kopfhaut mit Kreide Mandalas gezeichnet sind, mit ihren Vorderfüßen auf die Rücken ihrer Artgenossen, angeführt von einem Turbanmenschen, der Asche aus seinen breiten Ärmeln zaubert und diese ins Publikum streut. Da reitet eine rassige Schönheit einbeinig auf dem Rücken eines Apfelschimmels stehend in einem Höllenzahn durch die Manege, und ich glaube, in ihr die Frau von der Kasse wieder zu erkennen. Da purzeln Liliputaner übereinander und hauen sich Backsteine an die Köpfe, ohne Verletzungen davon zu tragen. Da wirft einer blutige Messer haarscharf an den anmutigen feuchten Wimpern einer Meerjungfrau vorbei. Fünf Rhesusäffchen klauen einem Bettler seinen Marmeladentoast vom Teller, ein Orang-Utan gewinnt beim Armdrücken gegen sein Herrchen und darf daraufhin dessen Fuß verspeisen. Der dumme August, hinter dessen Zähnen sich Dolche verstecken, ärgert einen weißen Clown mit einem Melitta – Kaffeefilteraufsatz auf dem Kopf, indem er immer wieder heißen Kaffee hineingießt, der diesem am Gesicht herunterrinnt. Der Weiße streckt seine Zunge heraus, um etwas von der heißen Brühe in den Mund zu bekommen. Aber es ist vergeblich. Zur Belohnung schlägt August zwei rohe Eier auf dessen Nase auf und stopft ihm diese ins violett angepinselte Maul.
Die Sensation ist eine Gruppe von Königstigern, die auf Podeste hüpfen und durch brennende Reifen springen und denen ein wagemutiger, von asiatischem Lächeln gezeichneter Dompteur ein paar fette, blutige Knochen zur Belohnung in die triefenden Mäuler stopft. Er selber kommt ein jedes Mal davon, weil er einen gezwieselten Schnurrbart trägt, den die Tiger verabscheuen. An eben demselben Bärtchen schwingt sich dieser Hüne wie ein gewaltiger Tarzan von Liane zu Liane an der Kuppel aufgehängt durch die Lüfte. Leise fliegt ihm die Zirkusdiva auf einer schmalen Schaukel hinterher und lässt riesige Regenbogenseifenblasen aus einem Eimerchen hinunter in die Menge gleiten, die nach Coca Cola schmecken. In den sternenförmigen Scheinwerfern blenden mich die Pailletten ihres körperbetonten Froschanzugs bis hinauf ins staubende Firmament. Ein Seiltänzer balanciert eine übergroße Spiegelkugel von einer Manegenseite zur andern und als er nach unten springt, bleibt das Grinsen eines Sarottimohren einen Augenblick lang in der Luft stehen, um sich danach in Nichts aufzulösen. Ein Tanzbär vollführt mit einer Frau, die zwei Köpfe auf ihrem Hals spazieren trägt, einen Tango, und als er sie flach zu legen versucht, erlischt das Licht. Ende. Tosender Beifall. Noch einmal stolzieren alle Darsteller aus der Kulisse heraus und bewerfen die Kinder in den ersten Reihen mit Konfetti, verneigen sich, verschwinden, erscheinen von Neuem, schlagen Purzelbäume und stecken schönen Mädchen kurzlebige Küsse in die Ausschnitte. Wir taumeln hinaus. Es dämmert bereits. Noch tagelang folgen uns die Szenen bis in die letzten Ecken unserer Phantasie, sie lassen uns nicht los, und ich male an einem Nachmittag siebzehn Wasserfarbenbilder hintereinander, die ich an meine sämtlichen Verwandten verschenke.

Budapest
Schon im Abteil auf der ewiglangen Zugfahrt kreisen die Flaschen hin und her und wir sehen vor lauter Rauch unsere eigenen Hände nicht mehr, geschweige denn unsere Gesichter, aber die Hunde lassen uns passieren, auch die scharfen Grenzer wittern nichts und denken nur an die westlichen Devisen, die wir ins Land bringen.
Begleitet werden wir von unserem kleinen Musiklehrer mit seinem wirren Lockengewirr und seinem Zwirbelschnauzbart, der von einer ungarischen Großmutter abstammt, und von dem schmächtigen gesichtslosen blassen Herrn Gaier, der mit zweideutigen Sätzen sein nichtssagendes Leben zu überspielen versucht und der natürlich immer wegschaut, weil er nicht auffallen will oder weil er am liebsten insgeheim auch einer von uns sein möcht.
Als wir in der Hauptstadt ankommen, dreht der Boden unter unseren Füßen bereits durch. Da ist die Spiegelung eines Turmes im gebräunten Fensterglas des Budapest Hilton, in dem wir als Gymnasiasten fast jeden Tag Gulasch essen, da wir Geld haben wie Heu, - damals, als wir in den Ostblock eindringen, zumal Georg sich der Gefahr eines Schwarzumtausches von Deutschen Mark in ungarische Forint auf einer zwielichtigen Brücke aussetzt. Die magischen gegenlichtigen Leuchtfarben der Michaelskirchenfenster gegen die Düsternis des Kirchenschiffs, eine Taube, die in einem Brunnen badet, den eine steinerne Nackedei mit wohlgeformten Brüsten und einem makellosen Körper wie eine Afrikanerin auf dem Kopf trägt, das plüschige Hotel in der Nähe des Deak ter, wo unser Zimmer zum Ort allabendlicher Trinkgelage auserkoren wird, so dass wir nie zum Schlafen kommen, und Bier schon in den Nachmittagsstunden fließt, und sich schwere fette Salami bereits auf dem Frühstücksbrötchen findet, aber das drücken wir uns rein, denn schließlich sind wir in Ungarn. Und in einer Nacht ist der Gerhard Graf, ein ländlich einfältiger Junge aus Estenfeld, so besoffen, dass wir ihn zu viert in sein Bett tragen und entsprechend lagern müssen, damit er nicht den gleichen Heldentod stirbt wie Jimi Hendrix. Der unerbittliche Wind, der uns durch die Andrassy ut weht wie durch einen Kamin, uns auf den Heldenplatz wirft, wo stumme, aber wildgesichtige ungarische Reiter in ihrer Bewegung erstarrt, argwöhnisch auf uns herunterblicken und sich doch nicht rühren können. In ihren Augen sind wir westlicher Abschaum, kulturlos und ohne Anstand. Da ist die kalte, märzsonnenbeschienene Erde zwischen den Gellertberg - Serpentinen, wo wir auf dem Boden hocken und hinunter schauen auf die dunstige Vielbrückenstadt, und einige kiffen zwischen den schwadronierenden allgegenwärtigen Volkspolizisten einfach durch, ein wenig Schiss haben wir natürlich schon, aber wir lassen es uns natürlich niemals anmerken. Und dann die Restaurantabende mit diesen Original Zigeunergeigern, die direkt aus der Puszta an unseren Tisch importiert worden sind, bei angetrunkenem Gelächter. Und die prunkvollen lüsterstrotzenden Kavezos, das Cafe´ Hungaria, wo wir einen Palatschinken nach dem anderen verdrücken, bis uns schlecht ist. Wir fahren in quietschenden, rumpeligen Straßenbahnen herum, steigen irgendwo ein und irgendwo aus, womöglich am Moskva ter. Wir spielen uns auf wie unantastbare Superstars, dabei sind wir nur Schüler, denen die Welt gehört.

„Kirschkerntage“:
zu bestellen über den Buchhandel ISBN: 978-3-943528-34-3

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