Mittwoch, 25. November 2015

016 Geheimnis





















Er ist ihr Geheimnis. Sie entdeckte ihn an einer dieser Wegkreuzungen, an denen man sich fragt, wohin man von nun an leben soll. Seitdem erfinden sie sich ständig neu und sie finden sich darin wieder. Ihre seltenen Begegnungen zünden ein jedes Mal Feuerwerke an. Keine allzu lauten, sondern die, deren Explosionen man hinter den Hügeln in der bretonischen Ferne hört.

Er ist ihr Geheimnis. Sie hat ihn überall dabei. Wenn sie auf Reisen geht, verbirgt sie ihn wie eine Murmel in ihrer Hosentasche. Oder wie einen Schlüssel zu einer Art von Glück. Sie denkt an ihn, wann immer es ihr möglich ist. Und wenn nicht, dann denkt sie sich Geschichten, in denen sie ihn zwischen die Zeilen schmuggelt. Sie schickt ihm Botschaften, die sich manchmal in winzige japanische Gedichte verwandeln.

Er ist ihr Geheimnis. Er ist ein seltsamer Zeitgenosse, der sich hinter Lampions versteckt. Er ist ein Fremder, der daheim vor dem Spiegel das Lächeln übt. Bisweilen treffen sie sich in ihren Träumen, mitunter aber auch mitten am Tag. Und ab und zu sendet er Zugvögel aus, um sie zum Süden zu überreden. Sie aber geht lieber am Strand entlang und sammelt den frischen salzhaltigen Wind.

Er ist ihr Geheimnis. Sie trägt ihn verkleinert wie Pan Tau in einer Schuhschachtel quer durchs nächtliche Europa. Und nur an manchen ausgesuchten Orten zaubert sie ihn groß und schaut ihn so lange an, bis er nicht mehr ein noch aus weiß vor Berührung. Immer wieder verschwindet er, um irgendwo mit einem Kranich aus Papier, der auf seinen Fingerspitzen tanzt, von Neuem zu erscheinen.

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