Dienstag, 20. Dezember 2016

029 Aus dem Fenster schreien





















Wie verletzt musst du sein, dass du dich nur dadurch besänftigen lässt, dass du eine Macht nach der andern anhäufst. Und wie arm musst du sein, dass du trotz deines unermesslichen Reichtums ständig von Neuem die Welt betrügst. Wenn dir all das nicht mehr genügt, dann brauchst du einen anderen Rausch. Denn auch dein Model, das du zu Hause sitzen hast, kommt so langsam in die Jahre und flattert wunschlos durch den Saal. Ich sehe durch dich durch und erkenne dich: hinter deinem lächerlichen Gutmenschengesicht lauert eine verzerrte Fratze. 

Die dunklen Männer von heute sind die hellen Männer von morgen. Sie wechseln die Farben täglich. Und die Sänften, in denen sie sitzen, glitzern brüchig wie Plagiate, gezimmert aus bemaltem Press-Span. Selbst die Horrorclowns sind fast schon harmlose Einzeltäter gegen diese aufgeblasenen Superhelden, die sich auf öffentlichen Familienphotos selbstherrlich präsentieren wie trottelige Könige. Sie machen uns Versprechungen und sie versprechen sich dabei. Wir aber versuchen ihnen zu glauben, nur weil wir uns lieber etwas vormachen als uns die Hoffnung nehmen zu lassen.

Da ruft es nach dem starken Mann. Ich hör es überall lautstark rufen. Ich kenne diese Töne aus den Geschichtsbüchern. Da hat einer die passende Religion in der Tasche und zaubert uns Brot und Spiele. Und ein Anderer kommt vermummt daher, ein Schläfer, der sich erst zu erkennen gibt, wenn das Feuer schon durch die Luft fliegt. Auch der versteckt sich hinter einem Gott, der gar nichts von ihm weiß. Gott ist groß, sagt er. Gott aber hat nur diesen einen Namen, für den er sich schämen würde, wenn er es nur könnte.

Aus dem Fenster schreien, denk ich, würden wir nur alle einmal zur gleichen Zeit aus dem Fenster schreien. Würdest auch du deine Stimme mit uns erheben, du oder du oder du? Was für einen Orkan könnten wir entfachen. Nur dass das nicht wirklich jemanden interessiert. Denn wir wohnen in mittelalterlichen Städten, in denen sie zwar jemand an den Pranger stellen, - aber eigentlich schaut man sich lieber das Dschungelcamp im Fernsehen an. Oder man entzündet für die Opfer Kerzen, die der nächste Windstoß wieder zum Erlöschen bringt.

Wie gerne wäre ich zornentbrannt, gäbe es doch nur eine Adresse, an die ich meine Wut heften könnte. Aber die Gegner verschanzen sich in unseren eigenen Reihen und führen uns an der Nase herum ins gelobte Land. Wir leben in Zeiten, in denen wir nur die Wahl haben zwischen dem einen oder dem anderen Übel. So wählen wir das andere Übel und beginnen, Socken zu stricken für gehörlose Flüchtlingskinder aus der Nachbarschaft. Denn das ist unsere einzige Möglichkeit, zur Rettung der Welt beizutragen.


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